"Wolle die Wandlung"

 

-ein lyrisch-musikalischer Rilke-Abend-

  

Dieses Programm stellt Gedichte Rainer-Maria Rilkes in den Mittelpunkt, die sich mit der Auseinandersetzung und dem Wecken innerer Kräfte befassen. Es bewegt Themen, wie Alleinsein, Stille, Liebe,Glaube, Hoffnung und Tod. Die Gedichte sind Mut gebend und aufrichtend.

Die Sprachräume werden mit meditativ- pentatonischen Klanglandschaften eingeleitet und schwingen in diesen aus. Volker Grieß spielt mit virtuoser Feinheit verschiedene Klanginstrumente und gibt so Raum, Rilke wirken und ankommen zu lassen. Rezitiert werden Gedichte vor allem aus Rilkes "Stundenbuch" und dem "Buch der Bilder".

Zu den Gedichten gehören: „Der Panther“, „Das Vorgefühl“, „Nachbar Gott“, „Der Schauende“, „Die Stille“, „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ u.a.

 

Hier zum kennenlernen zwei meiner Gedichte aus dem Programm:

 

Rainer Maria Rilke:

Vorgefühl


Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht,

und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.
 

 

Der Schauende



Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.